Stellungnahme zur Ausstellung «Hin und Weg. Der Palast ist Gegenwart» der Stiftung Humboldt Forum

Der Abriss war eine politische Grundsatzentscheidung. Stolz betont der Förderverein Berliner Schloss: «Es sieht alles so normal aus, als ob hier nie etwas anderes gestanden hätte» (Wilhelm von Boddien, Mai 2022)Im Namen der einen, idealisierten preußisch-deutschen Geschichte wurden die Spuren der anderen Geschichte, der Geschichte von Gewalt, Umsturz und Teilung im 20. Jahrhunderts ausradiert und durch ein idealisiertes Bausymbol Preußens und des deutschen Kaiserreichs überschrieben. Jeder vorgeschlagene Eingriff in die äußere Erscheinung wird dagegen als Schändung tabuisiert und diffamiert, ob der Vorschlag der Gründungsintendanz, den «Zweifel» von Lars Ramberg auf den Bau temporär zu montieren, oder mit einer LED-Installation den umstrittenen Schriftzug der Kuppel nachts zu überblenden.

Im Inneren dagegen begegnet man den Phantomschmerzen, die der rechtslastige und nationalistische Geschichtsrevisionismus hervorgerufen hat, etwa in Gestalt der im ganzen Haus verteilten Palast-Devotionalien und den im Shop erhältlichen Palast-Souvenirs; und nun auch einer – zudem nur temporären – Ausstellung. Damit wird weder das problematische Geschichtsnarrativ des Bauwerks noch dessen revisionistische Position im identifikatorischen Narrativ der Berliner Republik korrigiert. Die Ausstellung bleibt ein fadenscheiniges Feigenblatt, solange es nicht zu einer Korrektur der äußeren Erscheinung des Bauwerks kommt. Das doppelte Spiel der Stiftung – ihre fortgesetzte Zusammenarbeit mit dem rechtslastigen Förderverein Berliner Schloss trotz eindeutig identifizierter rechtsradikaler Spender und Mitglieder einerseits, die Thematisierung des Palastes der Republik andererseits, geht nicht auf. Die Konflikte des Ortes und damit verbunden des Schlossneubaus werden nicht produktiv gemacht und ausgetragen, sondern in einem Kulturprogramm eingehegt und übertüncht.

Einst wurde versprochen, dass das Humboldt Forum als Agora diene, auf der die Weltprobleme in einem herrschaftsfreien Diskurs verhandelt werden sollten. Doch es gelingt nicht einmal, die eigenen Probleme, etwa die Geschichte des Ortes, in glaubwürdiger Form zu verhandeln, trotz der üppigen Finanzierung der Einrichtung. 

Die Zeit der Augenwischerei ist vorbei. Es gilt nun endlich, das Offenkundige zu tun, die Geschichte des Ortes nicht in das Gebäudeinnere und separate Ausstellungen zu verbannen, sondern den Gebäudekomplex seiner komplexen Geschichte entsprechend zu vervollständigen. Dazu müssen die bislang verdrängten Teile deutscher Geschichte sichtbar gemacht, die Spuren der Zeit nach dem Kaiserreich – von der Revolution 1918, der Weimarer Republik, des II. Weltkriegs, der Nachkriegszeit einschließlich DDR und Wiedervereinigung – in das Bauwerk eingeschrieben werden. Erst wenn der Bau aus seinem Gefängnis der Geschichtsklitterung befreit wird, wird man hier Ausstellungen ernst nehmen und wertschätzen können. Nur dann kann das Bauwerk die deutsche Geschichte repräsentieren, für die die Berliner Republik in ihrem Bekenntnis zur kritischen Vergangenheitsaufarbeitung steht.

Elisabeth Broermann
Tore Dobberstein
Dorothee Dubrau
Thomas Flierl
Benjamin Foerster-Baldenius
Harry Friebel
Andreas Haase
Theresa Keilhacker
Doris Kleilein
Anton Maegerle
Philipp Misselwitz
Philipp Meuser
Henrike Naumann
Anh-Linh Ngo
Heike Ollertz
Philipp Oswalt
Christoph Petras
Fred Plassmann
Alexander Römer
Philipp Ruch
Jochen Sandig
Steffen Schuhmann
Marianna Sonneck
Till Sperrle
Alexander Stumm
Tina Veihelmann
Jörn Weisbrodt
Jürgen Zimmerer

Die Unterzeichnenden gehören zu den Beteiligten von ZwischenPalastNutzung/ Volkspalast 2004/2005 und/oder der Initiative Schlossaneignung von 2024. Die Website schlossaneignung.de wird demnächst online gehen.